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Airshows 2006


Ein weiterer philosophischer Aspekt des Fliegens
von
Howard Green



Gott sei Dank, es kann wieder los gehen ! Unser Vogel, eine knackig gelbe Harvard II B, steht auf ihrem Abstellplatz, wartend auf die Jungs, die da jetzt gleich um die Ecke biegen, ihre Fliegerkombis anziehen und sie in ihr Element steuern werden. Schon das Aufstehen am Morgen war für mich geprägt von der Erwartungshaltung heute mit unserer Beauty zu fliegen. Das Wetter spielt mit, mein Freund Siggi ist mindestens genauso scharf darauf "Rock`n Roll" mit unserer Triple X zu tanzen wie ich selbst. Den ersten Flug werde ich "in command" fliegen, den zweiten Siggi.

Aussencheck, Gummimotor aufziehen mit der Hand (Durchdrehen des Motors um das Öl aus den unteren Zylindern zu verteilen), dann rein ins Cockpit. Dieser wunderbare Geruch im Inneren des Flugzeugs nimmt mich in Empfang. Diese Geruchsmischung aus Öl, Farbe, Sprit, vielleicht auch Schweiß der bis dahin in so machen Momenten geflossen sein dürfte. Patina, normalerweise nur optisch wahrnehmbar, hat eine neue Definition bekommen, man kann sie riechen ! Die übliche Frage huscht sekundenschnell durch mein Gehirn: Wer schnallt sich eigentlich wen um ? Schnalle ich mir das Flugzeug um, oder nimmt mich das Flugzeug einfach in sich auf. Niemals werde ich die Antwort hierauf finden, es wird mich hoffentlich noch Jahre beschäftigen. Auf jeden Fall "eng", kuschelig eng soll es sein. Grinsen macht sich breit in meinem Gesicht. Der Ansatz zu einem Scherz sucht seinen Weg zur Zunge:" Wisst ihr eigentlich warum der Beckengurt so stramm gezogen werden muss ?" Der Blick in die Runde der um das Flugzeug Stehenden verbietet aber diese Formulierung. Mein 5 jähriger Sohn steht ja dabei ! Nach sexueller Aufklärung ist mir momentan aber wirklich nicht zumute.

Die Schultergurte noch einmal lockern, ich komm sonst nicht an die Schalter ran. Also dann ! Hauptschalter an, Benzinhahn auf rechten Tank, Handpumpe betätigen, hin und her mit dem Hebel bis der Benzindruck steigt. Einspritzpumpe herausziehen und ich geb ihm 4 bis 5 "strokes". Benzindruck weiter aufrecht erhalten mit der Handpumpe, mit dem rechten Zeigefinger auf den Anlasser, linke Hand jetzt am Gashebel. Der Anlasser läuft hoch, der Propeller dreht sich, 2, 3, 4 Blätter rauschen vorbei, gleichzeitig zweimal den Gashebel vor und zurück, Hand weg vom Gashebel und hin zu den Magneten. Magnetschalter auf "both" und schon arbeitet dieses wunderbare Gebilde da vorne genauso wie erwartet. Das Gemisch zündet in den einzelnen Zylindern begleitet von einer Rauchwolke, die sich ihren Weg aus dem Auspuff ins Freie sucht und dort sofort vom Propellerwind nach hinten verwirbelt wird. Der "Geist" hat seinen Weg aus der "Flasche" gefunden. "Womit darf ich dienen ?" scheint er zu fragen, wissend, dass er heute etwas ganz Besonderes zu bieten haben wird. Den Propeller auf kleinste Steigung gebracht, das Monstrum läuft geschmeidig und rund.

Bei 800 Umdrehungen sucht unser P&W 1340 AN 1 noch seine Betriebstemperatur, findet sie Minuten später. Mit maximal 1200 RPM rollen wir aus unserer Abstellposition in Richtung Rollhalt 25. Das übliche Procedere folgt, Startbereit ! Ich rolle in die Bahn, richte unsere Triple X zur Landebahnmitte aus, verriegele das Spornrad und mit der üblichen Frage an Siggi "Alles OK ?" verbunden, bewegt die linke Hand den Gashebel nach vorne. Dem normalen Start folgt ein normaler Steigflug, ruhige Luft begleitet unseren Flugweg in Richtung Osten. Einige Wolken nehmen uns freundlich in Empfang, um sie herumtanzend steigen wir weiter. Den Rhythmus der Rollbewegungen um die Längsachse dazu bestimmt die gerade gesummte Melodie.

In 5000 ft im angegebenen Gebiet angekommen, austrimmen für mein Trainingskunstflugprogramm, ein letzter prüfender Blick gilt dem Luftraum. Alles frei. Leistung 28 inch bei 2000 Umdrehungen. Bei 100 kt hochziehen, in die Rückenlage gedreht, Abschwung. 190 Kt liegen an als wir den halben Loop beenden, eine wunderbare Einleitgeschwindigkeit für einen Loop mit wirklich "großem" Durchmesser. Wir werden dabei 3,5 bis 4 g ausgesetzt. Welch ein Unterschied zu den 4 g in meiner Stearman ! Während man in der Stearman diese Belastung kaum spürt, der Belastungszeitraum ist viel geringer, zerrt es in der T 6 bei einem Loop schon gewaltig. Irgendwie fällt mir dazu ein, doch bald ein wenig Sport treiben zu müssen. Dem Loop folgt eine Faßrolle, hierauf ein Aufschwung. 1000 Fuß Höhe sind bisher abgeturnt. Es folgen eine kubanische Acht und gesteuerte Rollen bis zum Umfallen. Mittlerweile in 2000 ft über Grund angekommen Leistung auf Reiseflug reduziert und weiter in Richtung Süden. Das Grinsen müsste man mir schon aus dem Gesicht schlagen. Minuten später wird es aber schlagartig verschwunden sein ! Im Bahnneigungsflug beschleunigen wir weiter. Mit rund 180 kt in ca. 600 ft über Grund, Wiesen, Felder, Straßen, Wälder, alles rauscht nur so vorbei. Gedanken stehlen sich fort, weg vom hier und jetzt. Hin zu einer Zeit in der ich noch nicht geboren war. Wie war´s vor 50, 60 Jahren ? Besser gesagt, wie stelle ich es mir vor ? Bleiben meine Gedanken in dieser Gegend, die wir gerade überfliegen muss ich den Flugzeugtyp wechseln. Aus einer Harvard wird eine FW 44 Stieglitz oder besser noch eine Arado 96, die ist am ehesten mit der Harvard vergleichbar. Mehrere Flugplätze der damaligen Luftwaffe befanden sich in unserer Nähe, Luftkämpfe finden Anfang 1940 nur in anderen Ländern, noch nicht an Deutschlands Himmel statt. Mit entsprechender, zeitgenössischer Naivität ausgestattet verschwinden die Farben und der Film, der abläuft wird schwarzweiß. Wochenschauausschnitte zwängen sich in meine Betrachtung.

Bleiben meine Gedanken bei der Harvard muss ich die Gegend wechseln. Irgendwohin in die Staaten vielleicht ? Nein, bleiben wir in Europa. Duxford kenne ich, geschult wurde dort auch in der Harvard. Gemeinsam mit anderen Harvards den Formationsflug trainierend, auf Handzeichen des Leaders achtend. Die Referenzen des Flugzeugs des vor mir Fliegenden nicht aus den Augen verlierend folgt ein Formationswechsel dem anderen.

Scheiße.....! Ein Bauernhof in einem kleinen Tal direkt vor uns holt mich zurück in das Jetzt und Hier ! Pferde, Kühe auf der direkt am Anwesen liegenden Koppel weidend, lassen mich automatisch reagieren. Nach rechts wegdrehen und schon sind wir hinter einer Erhöhung, danach in einem Tal verschwunden.

So, mir reicht es für heute, sag ich zu Siggi und das Herz schlägt mir bis zum Hals. Vor ca. 1 Jahr hab ich nichts ahnend, aber trotzdem Bedauernswerterweise mal ein paar Pferde zur Weißglut gebracht. Bei einer Vorführung auf einem Flugplatz flog ich den Platz immer wieder einmal im Tiefflug an. In einer Halle schräg vor der Landebahn waren allerdings die besagten Pferde untergebracht. Als ich so dahin donnerte haben sich die Armen so erschreckt, dass sie sprichwörtlich die Wände hochgegangen sind. Gott sei Dank ist ihnen nichts passiert. Der Pächter des Gehöfts kam zum Flugplatz gefahren und hat mir fürchterlich einen eingeschänkt. Mein Gott, war der wütend. Mein "mea culpa" kam zwar voller Überzeugung über die Lippen, geholfen hat es aber wenig. Er blieb stocksauer. Na ja, ich als Bauernbub, als jemand der auf dem Bauernhof groß geworden ist, konnte seine Vorwürfe nur zu gut nachvollziehen.

30 Minuten später sind wir in der Platzrunde. Kaum sind aber Fahrwerk und Klappen ausgefahren, meldet sich unser Flugleiter noch einmal und fragt, ob wir noch genügend Sprit hätten um nach einem vermissten Flugzeug Ausschau zu halten. Die Polizei hätte angerufen und den Aeroclub um Unterstützung gebeten. Ein Polizeihubschrauber sei auch schon auf dem Wege.

Na klar, machen wir, denk ich. Von Siggi kommen auch keine Einwände, also Fahrwerk und Klappen wieder rein und ab ins beschriebene Gebiet Richtung Osten. Wir fliegen uns einen Wolf, 15 Minuten, 20 Minuten, nicht zu tief, nicht zu hoch, immer schön den Überblick bewahren. Aber nichts von einem notgelandeten oder abgestürzten Flugzeug zu sehen ! Wir sehen jetzt aus Richtung Westen auch den Polizeihubschrauber anfliegen, er ist auf unserer Frequenz und wir teilen ihm das Ergebnis unserer bisherigen Bemühungen mit. Danach verabschieden wir uns und fliegen in Richtung unseres Heimatflugplatzes. Es wird langsam aber sicher dunkel. Ein letzter Blick zurück in Richtung des Polizeihubschraubers lässt mich allerdings nicht kalt. Merkwürdiger-weise kreist er in der Nähe des Bauernhofs, den wir vorhin überflogen hatten.

Oh nein, schießt es mir durch den Kopf, Nachtigall, ick hör dir trapsen ! Uns schwant langsam aber sicher, was passiert ist ! Irgendjemand dort unten hat die Polizei angerufen als er sah wie wir hinter der Erhöhung verschwunden waren. Er dachte, WIR wären abgestürzt ! Schlechtes Gewissen, Betroffenheit macht sich breit in unserem Cockpit. Kann man eigentlich ungestraft so blöd sein ? Wir Helden waren auf der Suche nach einem"abgestürzten" Flugzeug , und begreifen erst jetzt: Nach einer Harvard, nach uns!

Was bleibt ist zwar nicht nur der philosophische Aspekt dieses denkwürdigen Tages mit der Überschrift: "Auf der Suche nach sich selbst" und die sich anschließende Frage.........: Aber sind wir das nicht alle ? Ich muss aber bekennen, dass mich diese Frage seitdem immer wieder beschäftigt.

Howard Green

 


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