Ein weiterer philosophischer Aspekt des Fliegens
von
Howard Green

Gott sei Dank,
es kann wieder los gehen ! Unser Vogel, eine knackig gelbe Harvard II
B, steht auf ihrem Abstellplatz, wartend auf die Jungs, die da jetzt
gleich um die Ecke biegen, ihre Fliegerkombis anziehen und sie in ihr
Element steuern werden. Schon das Aufstehen am Morgen war für mich geprägt
von der Erwartungshaltung heute mit unserer Beauty zu fliegen. Das Wetter
spielt mit, mein Freund Siggi ist mindestens genauso scharf darauf "Rock`n
Roll" mit unserer Triple X zu tanzen wie ich selbst. Den ersten Flug
werde ich "in command" fliegen, den zweiten Siggi.
Aussencheck,
Gummimotor aufziehen mit der Hand (Durchdrehen des Motors um das Öl
aus den unteren Zylindern zu verteilen), dann rein ins Cockpit. Dieser
wunderbare Geruch im Inneren des Flugzeugs nimmt mich in Empfang. Diese
Geruchsmischung aus Öl, Farbe, Sprit, vielleicht auch Schweiß der bis
dahin in so machen Momenten geflossen sein dürfte. Patina, normalerweise
nur optisch wahrnehmbar, hat eine neue Definition bekommen, man kann
sie riechen ! Die übliche Frage huscht sekundenschnell durch mein Gehirn:
Wer schnallt sich eigentlich wen um ? Schnalle ich mir das Flugzeug
um, oder nimmt mich das Flugzeug einfach in sich auf. Niemals werde
ich die Antwort hierauf finden, es wird mich hoffentlich noch Jahre
beschäftigen. Auf jeden Fall "eng", kuschelig eng soll es sein. Grinsen
macht sich breit in meinem Gesicht. Der Ansatz zu einem Scherz sucht
seinen Weg zur Zunge:" Wisst ihr eigentlich warum der Beckengurt so
stramm gezogen werden muss ?" Der Blick in die Runde der um das Flugzeug
Stehenden verbietet aber diese Formulierung. Mein 5 jähriger Sohn steht
ja dabei ! Nach sexueller Aufklärung ist mir momentan aber wirklich
nicht zumute.
Die
Schultergurte noch einmal lockern, ich komm sonst nicht an die Schalter
ran. Also dann ! Hauptschalter an, Benzinhahn auf rechten Tank, Handpumpe
betätigen, hin und her mit dem Hebel bis der Benzindruck steigt. Einspritzpumpe
herausziehen und ich geb ihm 4 bis 5 "strokes". Benzindruck weiter aufrecht
erhalten mit der Handpumpe, mit dem rechten Zeigefinger auf den Anlasser,
linke Hand jetzt am Gashebel. Der Anlasser läuft hoch, der Propeller
dreht sich, 2, 3, 4 Blätter rauschen vorbei, gleichzeitig zweimal den
Gashebel vor und zurück, Hand weg vom Gashebel und hin zu den Magneten.
Magnetschalter auf "both" und schon arbeitet dieses wunderbare Gebilde
da vorne genauso wie erwartet. Das Gemisch zündet in den einzelnen Zylindern
begleitet von einer Rauchwolke, die sich ihren Weg aus dem Auspuff ins
Freie sucht und dort sofort vom Propellerwind nach hinten verwirbelt
wird. Der "Geist" hat seinen Weg aus der "Flasche" gefunden. "Womit
darf ich dienen ?" scheint er zu fragen, wissend, dass er heute etwas
ganz Besonderes zu bieten haben wird. Den Propeller auf kleinste Steigung
gebracht, das Monstrum läuft geschmeidig und rund.
Bei
800 Umdrehungen sucht unser P&W 1340 AN 1 noch seine Betriebstemperatur,
findet sie Minuten später. Mit maximal 1200 RPM rollen wir aus unserer
Abstellposition in Richtung Rollhalt 25. Das übliche Procedere folgt,
Startbereit ! Ich rolle in die Bahn, richte unsere Triple X zur Landebahnmitte
aus, verriegele das Spornrad und mit der üblichen Frage an Siggi "Alles
OK ?" verbunden, bewegt die linke Hand den Gashebel nach vorne. Dem
normalen Start folgt ein normaler Steigflug, ruhige Luft begleitet unseren
Flugweg in Richtung Osten. Einige Wolken nehmen uns freundlich in Empfang,
um sie herumtanzend steigen wir weiter. Den Rhythmus der Rollbewegungen
um die Längsachse dazu bestimmt die gerade gesummte Melodie.
In
5000 ft im angegebenen Gebiet angekommen, austrimmen für mein Trainingskunstflugprogramm,
ein letzter prüfender Blick gilt dem Luftraum. Alles frei. Leistung
28 inch bei 2000 Umdrehungen. Bei 100 kt hochziehen, in die Rückenlage
gedreht, Abschwung. 190 Kt liegen an als wir den halben Loop beenden,
eine wunderbare Einleitgeschwindigkeit für einen Loop mit wirklich "großem"
Durchmesser. Wir werden dabei 3,5 bis 4 g ausgesetzt. Welch ein Unterschied
zu den 4 g in meiner Stearman ! Während man in der Stearman diese Belastung
kaum spürt, der Belastungszeitraum ist viel geringer, zerrt es in der
T 6 bei einem Loop schon gewaltig. Irgendwie fällt mir dazu ein, doch
bald ein wenig Sport treiben zu müssen. Dem Loop folgt eine Faßrolle,
hierauf ein Aufschwung. 1000 Fuß Höhe sind bisher abgeturnt. Es folgen
eine kubanische Acht und gesteuerte Rollen bis zum Umfallen. Mittlerweile
in 2000 ft über Grund angekommen Leistung auf Reiseflug reduziert und
weiter in Richtung Süden. Das Grinsen müsste man mir schon aus dem Gesicht
schlagen. Minuten später wird es aber schlagartig verschwunden sein
! Im Bahnneigungsflug beschleunigen wir weiter. Mit
rund 180 kt in ca. 600 ft über Grund, Wiesen, Felder, Straßen, Wälder,
alles rauscht nur so vorbei. Gedanken
stehlen sich fort, weg vom hier und jetzt. Hin zu einer Zeit in der
ich noch nicht geboren war. Wie war´s vor 50, 60 Jahren ? Besser gesagt,
wie stelle ich es mir vor ? Bleiben meine Gedanken in dieser Gegend,
die wir gerade überfliegen muss ich den Flugzeugtyp wechseln. Aus einer
Harvard wird eine FW 44 Stieglitz oder besser noch eine Arado 96, die
ist am ehesten mit der Harvard vergleichbar. Mehrere Flugplätze der
damaligen Luftwaffe befanden sich in unserer Nähe, Luftkämpfe finden
Anfang 1940 nur in anderen Ländern, noch nicht an Deutschlands Himmel
statt. Mit entsprechender, zeitgenössischer Naivität ausgestattet verschwinden
die Farben und der Film, der abläuft wird schwarzweiß. Wochenschauausschnitte
zwängen sich in meine Betrachtung.
Bleiben meine Gedanken
bei der Harvard muss ich die Gegend wechseln. Irgendwohin in die Staaten
vielleicht ? Nein, bleiben wir in Europa. Duxford kenne ich, geschult
wurde dort auch in der Harvard. Gemeinsam mit anderen Harvards den Formationsflug
trainierend, auf Handzeichen des Leaders achtend. Die Referenzen des
Flugzeugs des vor mir Fliegenden nicht aus den Augen verlierend folgt
ein Formationswechsel dem anderen.
Scheiße.....! Ein
Bauernhof in einem kleinen Tal direkt vor uns holt mich zurück in das
Jetzt und Hier ! Pferde, Kühe auf der direkt am Anwesen liegenden Koppel
weidend, lassen mich automatisch reagieren. Nach rechts wegdrehen und
schon sind wir hinter einer Erhöhung, danach in einem Tal verschwunden.
So,
mir reicht es für heute, sag ich zu Siggi und das Herz schlägt mir bis
zum Hals. Vor ca. 1 Jahr hab ich nichts ahnend, aber trotzdem Bedauernswerterweise
mal ein paar Pferde zur Weißglut gebracht. Bei einer Vorführung auf
einem Flugplatz flog ich den Platz immer wieder einmal im Tiefflug an.
In einer Halle schräg vor der Landebahn waren allerdings die besagten
Pferde untergebracht. Als ich so dahin donnerte haben sich die Armen
so erschreckt, dass sie sprichwörtlich die Wände hochgegangen sind.
Gott sei Dank ist ihnen nichts passiert. Der Pächter des Gehöfts kam
zum Flugplatz gefahren und hat mir fürchterlich einen eingeschänkt.
Mein Gott, war der wütend. Mein "mea culpa" kam zwar voller Überzeugung
über die Lippen, geholfen hat es aber wenig. Er blieb stocksauer. Na
ja, ich als Bauernbub, als jemand der auf dem Bauernhof groß geworden
ist, konnte seine Vorwürfe nur zu gut nachvollziehen.
30 Minuten später
sind wir in der Platzrunde. Kaum sind aber Fahrwerk und Klappen ausgefahren,
meldet sich unser Flugleiter noch einmal und fragt, ob wir noch genügend
Sprit hätten um nach einem vermissten Flugzeug Ausschau zu halten. Die
Polizei hätte angerufen und den Aeroclub um Unterstützung gebeten. Ein
Polizeihubschrauber sei auch schon auf dem Wege.
Na klar, machen
wir, denk ich. Von Siggi kommen auch keine Einwände, also Fahrwerk und
Klappen wieder rein und ab ins beschriebene Gebiet Richtung Osten. Wir
fliegen uns einen Wolf, 15 Minuten, 20 Minuten, nicht zu tief, nicht
zu hoch, immer schön den Überblick bewahren. Aber nichts von einem notgelandeten
oder abgestürzten Flugzeug zu sehen ! Wir sehen jetzt aus Richtung Westen
auch den Polizeihubschrauber anfliegen, er ist auf unserer Frequenz
und wir teilen ihm das Ergebnis unserer bisherigen Bemühungen mit. Danach
verabschieden wir uns und fliegen in Richtung unseres Heimatflugplatzes.
Es wird langsam aber sicher dunkel. Ein letzter Blick zurück in Richtung
des Polizeihubschraubers lässt mich allerdings nicht kalt. Merkwürdiger-weise
kreist er in der Nähe des Bauernhofs, den wir vorhin überflogen hatten.
Oh nein, schießt
es mir durch den Kopf, Nachtigall, ick hör dir trapsen ! Uns schwant
langsam aber sicher, was passiert ist ! Irgendjemand dort unten hat
die Polizei angerufen als er sah wie wir hinter der Erhöhung verschwunden
waren. Er dachte, WIR wären abgestürzt ! Schlechtes Gewissen, Betroffenheit
macht sich breit in unserem Cockpit. Kann man eigentlich ungestraft
so blöd sein ? Wir Helden waren auf der Suche nach einem"abgestürzten"
Flugzeug , und begreifen erst jetzt: Nach einer Harvard, nach uns!

Was bleibt ist
zwar nicht nur der philosophische Aspekt dieses denkwürdigen Tages mit
der Überschrift: "Auf der Suche nach sich selbst" und die sich anschließende
Frage.........: Aber sind wir das nicht alle ? Ich muss aber bekennen,
dass mich diese Frage seitdem immer wieder beschäftigt.
Howard
Green