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Winterreise
von
Konrad Mücke
Pilot des FP
404 UL-Einsitzer Doppeldeckers
Winterreise
Es ist ein eisiger Wintertag. Das Thermometer bleibt selbst im Rheintal
auf 270 m über NN unter -4 °C. Aber solche Tage glänzen mit einer
überragenden Fernsicht. Ideal für einen Flug über den Schwarzwald.
Im Süden stehen ein paar Wolken auf etwa 4000 Fuß. Aber im Norden
nichts als Sonnenschein. Beim Start in Bremgarten umgibt uns noch
herbstliches Grün-grau. Wegen der kalten Luft steigen wir - mein
MOBL und ich - innerhalb weniger Minuten auf über 5000 Fuß. Hoch
genug, um über die Höhen des Schwarzwald zu sehen und zu fliegen.
Und da zeigt sich der Winter in all seiner Pracht. Strahlendes Weiß
bedeckt die Anhöhen und Berggipfel. Ich kauere mich tief in das
Cockpit. Trotz meines dicken Overalls und der warmen Unterwäsche
kriecht die Kälte bereits nach kaum einer halben Stunde bis auf
die Haut. Aber der Anblick entschädigt für fast alles. Sicht über
die Berge sicher mehr als 50 Kilometer. In den Tälern leichte Nebel-
und Dunstfelder. Sie überziehen die Welt mit einem sanften Hauch.
Als "materielose Wattebäusche" ziehen sie immer wieder neben oder
unter uns vorbei. Rechts von uns jetzt zum Greifen nahe der Feldberg.
Die zahlreichen Alpin-Skifahrer wirbeln lange Schneeefahnen hinter
sich auf. Offenbar ist der Schnee ideal pulvrig. Für all die Sportler
hier das schiere Vergnügen.
Doch
dieser Sport hat auch eine andere Seite. Der Feldberg wird an
Wochenenden mit solchem "Kaiserwetter" von einigen tausend Freizeitsportlern
geradezu überrannt. Da bleibt viel von dem öffentlich propagierten
und geförderten Landschafts- und Naturschutz auf der Strecke.
Alle Versuche, die Menschen- und Automassen halbwegs zu steuern,
sind bisher eher fehlgeschlagen. Vor allem das Umsteigen auf öffentliche
Verkehrsmittel fällt vielen offenbar schwer. Statt einige Minuten
auf den nächst erreichbaren Bus zu warten, rangieren sie lieber
mit ihrem Wagen eine halbe Stunde und länger am völlig überfüllten
Feldbergpaß umher, um endlich einen passenden Abstellplatz zu
erreichen. Die dabei in die Luft geblasenen Abgase machen viele
der gut gemeinten Maßnahmen zum Umweltschutz wieder zu nichte.
Aber ach - zwei Seelen wohnen in meiner Brust. Zum einen will
man die Region unter strengem Natur- und Landschaftsschutz erhalten,
zum anderen aber mit einem blühenden Tourismus die Einnahmen für
Gemeinden, Hoteliers und Vermieter sichern. Um den richtigen Weg
zu finden, sind sicher noch gute Ideen gefragt. Inzwischen sind
wir aber schon weiter in den Schwarzwald hinein geflogen. Links
liegt der Titisee mit seiner typischen Form. Von hier oben kann
man direkt erahnen, wie sich die Eismassen des Feldbergs vor einigen
tausend Jahren als Gletscher nach unten geschoben haben. Dabei
trugen sie Gestein ab und schoben es vor sich her. Darauf steht
heute die "Flaniermeile" von Titisee. Nach dem Abtauen des Gletschers
ist dann der See zurückgeblieben.
Ob
die vielen Touristen, die jetzt an der Seepromenade die Sonne
genießen, sich vorstellen können, dass sie dieses Vergnügen eigentlich
der letzten Eiszeit zu verdanken haben? Wir wenden uns etwas nach
Süden. Unter uns zieht der Windgfällweiher durch. Obwohl ständig
von Zu- und Abflüssen durchströmt, ist er schon fast vollständig
zugefroren. Direkt dahinter breitet sich dann mit seiner Länge
von etwa sieben Kilometern der Schluchsee aus. Heute liegt er
wegen der Windstille fast komplett tiefschwarz glänzend vor uns.
Nur hie und da kräuseln ein paar leichte Windböen die Oberfläche.
Wie verlassen sie ist. Ganz im Gegensatz zu den Sommermonaten,
mit all den Segel-, Ruder und Tretbooten, Surfern und Anglern
darauf. So ist dem See eine Verschnaufpause vergönnt. Am See entlang
geht es weiter um den Ort Schluchsee herum. Überall sieht man
jetzt Wintersportler an geeigneten Abhängen ins Tal gleiten. Erst
von hier oben erkannt man, wie viele gute Abfahrten und Skilifte
es doch in einem kleinen Umkreis gibt. So verteilen sich hier
auch die Menschen wesentlich besser als auf dem Feldberg. Da unten
beim "Babylift" beispielsweise tummeln sich jetzt die Kleinsten.
Es sind nur vier oder fünf "Rennfahrer" erkennbar. Dafür haben
sie die Abfahrt ganz für sich. Nach jeder gelungenen Abfahrt streben
sie schnell wieder zum Lift, um nur keine Minute dieses schönen
Tags ungenutzt zu lassen. An ihren flinken Bewegungen erkennt
man sogar aus über 600 m Höhe den Spaß, den sie dabei haben. Wie
können sie sich glücklich schätzen. Nach kurzem Träumen über spielende
und lachende Kinder, vielleicht mit ein wenig Wehmut in den Gedanken
an die eigenen, glücklichen Kindertage, wenden wir uns wieder
Richtung Westen. Bereits nach wenigen Minuten sieht man das tief
eingeschnittene Höllental mit seiner viel befahrenen Strasse.
Entlang dieses markanten Einschnitts geht es zurück Richtung
Freiburg. Inzwischen beißt die Kälte schon in allen Körperteilen.
Ein Schwenk nach Süden, entlang des Hexentals. Die tief
stehende Sonne am Nachmittag und der aufkommende Dunst rauben
mir fast die Sicht. Doch rasch liegt unter uns die Burg
Staufen. Zeit, um uns beim Flugplatz anzumelden. Nach weiteren
zehn Minuten Flug gen Westen drehe ich ein zur Landung.
Mit ein wenig Wehmut verlasse ich heute den Flugplatz. Solche
schönen Wintertage gibt es nicht oft.
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