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Fliegergeschichten auf Biplanes.de - Die Oldtimer Community in Deutschland

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Altweiber-Sommer
von
Konrad Mücke
Pilot des FP 404 UL-Einsitzer Doppeldeckers


Der Sommer war durchwachsen. Wenigen Tagen voller Sonneschnein folgten in beständigem Wechsel einige kalte Tage mit Regenschauern. Im Hochschwarzwald, meiner Wahlheimat, ist es im Oktober schon merklich kalt geworden. Aber am Flugplatz, im Rheintal, erinnert ein warmer Wind von Süden noch einmal an sommerliche Freuden. Inzwischen kommen aber Mensch und Natur langsam zur Ruhe, die Hektik des Sommers ist verschwunden. Eine gute Gelegenheit für einen Flug in die Umgebung. Meine D-MOBL und ich, wir starten über die Piste 23. Wir gehen direkt nach Süden aus der Platzrunde. Da liegt schon das Markgräflerland vor uns. Seinen Namen hat es von der Vorherrschaft der Markgrafen von Baden. Es zählt zu den wärmsten Gegenden Deutschlands. Manche behaupten, das Klima sei wie in Italien. Immer wieder spricht man von der Toskana Deutschlands. Hier wächst und gedeiht alles besonders gut. Speziell gehören dazu die bekannten Markgräfler Gutedel-Weine. Etwa 40 Prozent der über 3000 Hektar Weinbaufläche im Markgräflerland tragen die Gutedel-Weinreben, weitere 30 Prozent den Blauen Spätburgunder. Auch für die übrige Landwirtschaft ist das milde Klima günstig. Das Land wird intenisv bewirtschaftet. Hier gedeihen Spargel, Mais, Weizen und Gemüse. Von oben erkennt man deutlich die durchgreifenden Eingriffe des Menschen in die Natur. Wie ein Schachbrett liegen die Felder.

Streng abgegrenzt. Kein Platz mehr für wildes Leben. Alles richtet sich nach effizientem Nutzen. Landwirtschaftliche Produktion. Schon in dieser Bezeichnung liegt fast ein Widerspruch. Land, das bedeutet doch Natur, Urwüchsigkeit, freies Leben. Für die Produktion sind Maschinen und Fabriken zuständig. Aber solange wir beides wollen, hochwertige Lebensmittel einerseits und möglichst niedrige Kosten andererseits, werden alle den Widerspruch im Kompromiss akzeptieren. Daß wir damit aber allem schaden, was uns nicht direkt nutzt, sehen wir beispielsweise am Niedergang des Wildbestands. Rebhühner und Feldhasen beispielsweise kannten wir als Kinder noch von jedem Spaziergang. Inzwischen sind sie fast ausgestorben. Ihnen fehlt die Abwechslung und die Deckung in den kahlen, großflächigen Monokulturen. Wildschweine dagegen, die sich rasch auf veränderte Lebensbedingungen einstellen, vermehren sich prächtig. Inzwischen gelten sie als Plage. Auf ihren nächtlichen Streifzügen richten sie vor allem in Maisfeldern hohen Schaden. Sehr zum Leid von Landwirten und Waidmännern. Mit dem Vorteil der einfachen Nutzung großer Flächen durch landwirtschaftliche Maschinen haben wir eben auch unerwünschte Gäste angelockt, die davon profitieren. Ein Genie, wer die widersprechenden Interessen unter einen Hut bekäme.

In den immer wieder durch die Wolken blitzenden Sonnenstrahlen fällt mir jetzt etwas ungewöhnliches an den Flächenstreben auf. Lange, silbrige Fäden glänzen in der Sonne. Ein Teil der Natur und die Technik des Flugzeugs treffen einander. Im Spätsommer fliegen die jungen Spinnen mit ihren ersten gesponnen Fäden einfach auf und davon. Allein der Wind weiß, wo sie einmal landen. Einige haben sich in den Streben und Verspannungen des Doppeldeckers verfangen. Schade für die Tiere, denn sie werden so wahrscheinlich nie eine geeignete Bleibe finden. Schön anzuschauen ist es aber doch. Die silbrigen Fäden schmücken elegant das Flugzeug. Inzwischen sind wir über Müllheim, das schon zu römischer Zeit besiedelt war. Seit Jahrhunderten ist Müllheim Garnisonstadt. Heute hat sich hier die deutsch-französische Brigade etabliert. Ein sichtbarer Beweis, daß aus den "Erz"-Feinden von einst – Deutsche und Franzosen – Freunde geworden sind. Sogar die Soldaten, das Sinnbild der Feindschaft, wohnen jetzt unter einem Dach. Mit Blick auf die aktuellen Konflikte in der Welt kann man nur hoffen, daß das andere Völker auch schaffen. Hoffentlich bald. Denn sonst müssten unsere verbrüderten Soldaten vielleicht sogar in die Krisenregionen der Welt hinaus und mit Waffen Frieden stiften. Nach dem, was wir hierzulande noch vor über 60 Jahren erlebt haben, ein eher bedenklicher Weg.

Beim Kurven von Süden nach Norden kommt der Segelflugplatz unter uns in Sicht. Ein beruhigendes Gefühl. Denn hier kann man unbedenklich notlanden. Ein Ereignis, das jeder Flieger, bei aller Freude am Fliegen und aller Freheit in der Luft, immer in Gedanken mit sich trägt. Was tue ich, wenn jetzt der "Quirl" abstellt. Unter mir nur hügelige, stark bewachsene Ausläufer des Schwarzwalds. Und dazwischen Ortschaften. Da fühlt man sich doch mit einer leicht anfliegbaren Segelflieger-Wiese in erreichbarer Nähe richtig wohl. Am Rand des Schwarzwalds entlang geht es nun Richtung Norden. Westlich liegt der Flugplatz. Von oben zeigt er seine wahre Größe. 1600 m Piste – für uns, den MOBL und mich, eigentlich viel zu groß. Mit dem Doppeldecker könnte ich sogar quer auf der Piste landen oder starten – 60 m freie Strecke reichen aus. Aber für uns war der Platz ursprünglich nicht gedacht. Nein, er hatte eine staatstragende, strategische Bedeutung. Hier waren einst Kampfflieger stationiert. Mit ihren martialischen Jets und ihrer totbringenden Ausrüstung sollten sie den Feind abschrecken. Der lauerte vor allem im Osten. Alles was "Rot" war, galt über Jahrzehnte als gefährlichste Bedrohung für die freiheitlich demokratische Grundordnung. Zum Glück hat sich die Bedrohung selbst aufgelöst. Und sich im Nachhinein als gar nicht so unmenschlich und bedrohlich erwiesen. Mit einer darauf abzielen den Argumentation – welcher einzelne Russe hätte schon persönliches Interesse daran gehabt einen Menschen aus dem Westen zu töten - habe ich seinerzeit den Dienst mit der Waffe verweigert. Selbst bei der gestrengen Kommission fand dieser Aspekt Respekt – und ich bekam die Entlassung aus dem Militärdienst. Nun, die Geschichte hat gezeigt, daß wohl beide Seiten in ihren jeweiligen Argumenten ein Stück Wahrheit beanspruchen können. Die einen, die nur durch militärische Abschreckung mögliche Übergriffe verhinderten, die anderen, die überzeugt waren, daß uns unbekannte Menschen nicht nur vom Gedanken ans Töten geleitet sind.

Über diesen Gedanken schweben wir schon in die Platzrunde und in den Endanflug. Lange muß ich mit hoher Drehzahl die Höhe in der Platzrunde halten. Der Doppeldecker taugt nicht als Segelflugzeug. Seine dicken Flächenprofile, die Streben und Verspannungen machen ihn eher zu einem fliegenden Luftwiderstand. Nimmt man die Drehzahl zurück, geht es wie in einem Fahrstuhl mit 800 bis 1000 ft/min (4 bis 5 m/s) abwärts. Zum Aufsetzen und Ausrollen benötigen wir dann aber höchstens 60 bis 80 m. Deshalb setze ich erst kurz vor dem Abrollweg auf. Beim Rollen zurück zur Halle entdecke ich den Schmuck an den Streben des Doppeldeckers wieder. In der Sonne glänzen die seidigen Fäden der Spinnen. Altweiber-Sommer.

(Fotos: Konrad Mücke)



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