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Flying the Anna
von
Hendrik Wenzel
Als Vorbemerkung ist hier wohl zu sagen, das ich keinen Flugschein besitze und wohl auch nie einen besitzen werde, aus finanziellen sowie aus persönlichen Gründen. Trotz dieser kleinen Hemmschwellen lasse ich es mir jedoch nicht nehmen, möglichst oft und in möglichst alten Flugzeugen mitzufliegen, wobei mir hier eine Maschine besonders ans Herz gewachsen ist: Von Kennern und Liebhabern wird sie liebevoll "Anuschka" oder "Anna" genannt, die Rede ist natürlich von dem weltgrößten Doppeldecker, der An-2 vom russischen (ukrainischen) Konstruktionsbüro Oleg Konstantinovich ANTONOV. Der Prototyp dieses wunderbaren Flugzeuges absolvierte seinen Erstflug im Jahr 1948, nach verschiedenster Modifikationen an Motor, Propeller und Zelle ging die Maschine dann in Serienfertigung.
Die Anna mit der Ich heute an diesem Sommertag im Juli fliegen möchte, ist eine der späteren Maschinen und ausgerüstet mit dem Shvetsov ASh 62IR Motor. Runde 1000PS aus 9 Zylindern mit zusammen 30 Litern Hubraum, das sind schon beeindruckende Zahlen. Doch wenn man die Anna life erleben darf, ist das noch wesentlich beeindruckender. Beinahe dreimal so groß wie ich selber bin, steht dieses Meisterwerk russischer Flugzeugbautechnik vor mir. Sie ist schon eine etwas in die Jahre gekommene Dame, aber immer noch rüstig und mit vielen Verehren. Die Rundflüge, die an einem kleinen Pavillon verkauft werden, an dem ein Mann mit einem Klavier musiziert, erfahren großer Nachfrage. Endlich ist es so weit, meine Flugnummer wird ausgerufen, nachdem dem brüllenden Sternmotor die Atmung genommen wurde.
Durch die Einstiegsluke betrete ich zusammen mit einer Hand voll anderen Glücklichen das Flugzeug. Sofort steigt mir der typische Geruch alter Flugzeuge in die Nase, eine Mischung aus Avgas und Leder, das gehört einfach dazu. Der mit grünem Stoff bezogene Sitz quietscht ein wenig, als ich mich niederlasse und anschnalle, die Spannung steigt. Der Pilot macht den Motor startklar, öffnet die Ventile für die Pressluft, mit der die Bremsen betätigt werden. Es zischt wie in einem alten Bus. Endlich zieht er den T - förmigen Schwungradanlasserhebel zu sich und das Schwungrad fährt mit einem pfeifenden Klang hoch, nach etwa 15 Sekunden wird der Motor eingekuppelt und die Luftschraube beginnt sich unter dem ächzen der Reibungskupplung des Starters zu drehen.
Nach 2-3 Umdrehungen wird die Magnetzündung eingeschaltet und der Starter losgelassen, Zehntelsekunden vergehen, dann erwacht der Stern mit dem Brüllen seiner Zylinder zum Leben, es ist jedes Mal ein Erlebnis, das Startprocedere zu verfolgen und dann den Erfolg zu hören.Eine Abgaswolke zieht an der Seite des Flugzeuges vorbei, an der ich sitze und die ganze Kabine zittert. Mit zischenden Luftdruckbremsen schaukelt die Anna zum Rollhaltepunkt, langsam, fast majestätisch. Die Startfreigabe wird eingeholt und der Pilot schiebt den schwarzen Gashebel an den vorderen Anschlag. Der Motor heult auf und die ganze Kabine beginnt noch viel stärker zu zittern, man fühlt die Beschleunigung und jede kleinste Unebenheit in der Grasbahn. Nach einer kurzen Anlaufstrecke von vielleicht 200 Metern wuchtet uns das russische Ungetüm von Sternmotor in die Luft, wir gehen in den Steigflug über.
Aus dem runden Fenster sehe ich goldene Felder und grüne Wiesen unter uns vorbeiziehen. Nach der kurzen Steigflugphase wird der Motor gedrosselt und die Propellerdrehzahl zurückgenommen, was für einen angenehmeren Geräuschpegel sorgt. Und so gondeln wir mit ca. 160 Km/h dahin, von leichten Böen hin und her getragen, dreidimensionale Freiheit, ein schönes Gefühl. Nun steht leider bald wieder die Landung bevor, die Klappen werden ausgefahren und der Pilot richtet die Anna auf die Landebahn aus. Im Sinkflug baut sich Druck auf den Ohren auf, Sekunden später setzten die Räder auf die Bahn. Es hopst noch 2,3 Mal in die Luft zurück, dann stehen wir, nach einer sehr kurzen Ausrollstrecke.
Langsam wird zum Parkplatz "zurückgetaxelt", dann verstummt der Motor wieder. Nun ist es an der Zeit, Platz zu machen für die nächsten, die das Abenteuer oder auch die Passion Fliegen live erleben möchten.
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