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Harvard T6
von Jens Klank
Flugplatz Bottenhorn, 17.05.2007, später
Nachmittag....
"Lust auf etwas Turnen Jens?"
"Klar! Muss nur eben das Objektiv wechseln"....Sprachs
und stapfte davon. Wenn ich gewusst hätte was mir bevorstand,
ich wäre vermutlich mit etwas gemischten Gefühlen
in die Harvard AT-16 IIB D-FRCP eingestiegen aber so freute
ich mich auf etwas Kunstflug mit in der T6 der Haltergemeinschaft
von Armin Iffland, Karl Heinz "Charly" Krüger
und Georg Raab.

"Charly" Krüger hilft mir inzwischen beim
Anschnallen, nachdem Georg Raab mich zu einer kleinen "Turnstunde"
eingeladen hat. Für mich kam dieses Angebot völlig
unerwartet. Vor allem die Aufforderung, in die Harvard AT-16
IIB zu klettern, überraschte mich, denn ich dachte
der Flug sollte in Georgs Boeing Stearman stattfinden. Nun
sitze ich also im hinteren Cockpit der betagten Harvard
und lasse mich festzurren: Fallschirm, Haupt-Gurte, Headset
auf, Haube zu und los geht's. Keine Zeit zum Überlegen............
Wir rollen zum Start, Startfreigabe, Vollgas. Wir heben
ab, das Fahrwerk rastet ein, wir steigen und fliegen in
Richtung Südwesten davon.....
 Nach
einer, für meine untrainierten Verhältnisse "hammerharten",
Kunstfluglektion mit einigen Fass- und 4 Zeiten-Rollen,
Turns und G-trächtigen Cuban Eights, welche nicht nur
heftig an meiner Kamera, sondern auch an meinen Augenlidern
zerrten, fragte mich Georg ob alles O.k. sei. Ich erwiderte
schmunzelnd, dass ich wohl gerade etwas feucht geworden
bin. Eine kleine Anspielung auf eine Aussage seinerseits.
Vor längerer Zeit hatte er einmal eine junge Frau mitgenommen,
welche wohl auf dem hinteren Sitz Geräusche von sich
gegeben hat, die sich wie multiple Orgasmen anhörten.....
Was soll ich sagen? Das Wort "GEIL" beschreibt
nur ansatzweise das Erlebnis dieses Kunstfluges. Auch zu
sehen, wie die Maschine "arbeitete", die Pedale
und Ruder sich bewegten und mit welcher Präzision der
Knüppel während der "4 Viertelrollen"
hin und her flog, war vergleichbar mit einer tänzerisch
perfekten Choreografie. Durch die, im wahrsten Sinne des
Wortes, eindrucksvollen G-Kräfte (bis zu 3,8), war
teilweise ans Fotografieren nicht zu denken! Beim Einleiten
mit 195kt (361 km/h) in die Cuban Eights verhielten sich
Kamera und Sitz wie zwei starke gleichgepolte
Magneten: sie zogen sich magisch an! Ich machte erst gar
nicht den Versuch dagegen anzukämpfen, denn ich wusste
von vergangenen Flügen, dass ich chancenlos war. Also
ließ ich die Kamera die meiste Zeit auf dem rechten
Knie liegen und nahm sie nur nach oben wenn die Fluglage
es gerade erlaubte. Die erbärmlich verwischten
"High G" Aufnahmen welche ich trotzdem gegen
alle Vernunft schoss, spotten jeder Beschreibung. Aber bei
diesem Flug ging es schließlich nicht ums Fotografieren!
Nach der Turnerei, wir befanden uns auf dem Weg zurück
nach Bottenhorn, dann plötzlich die Frage im Headset:"Möchtest
Du fliegen?" Ich dachte ich hätte mich verhört
und bat um
Wiederholung. "Ob Du sie mal fliegen möchtest?"
Ich hörte mich ungläubig "Na klar!!"
sagen und
dachte gleichzeitig:"Shit....!" Ich lockerte
den Kameragurt, welchen ich eng um mein rechtes Handgelenk
geschlungen hatte, legte die Cam auf den linken Oberschenkel,
hielt sie mit der linken Hand fest und griff mit der rechten
nach dem Knüppel vor mir und fragte nochmals "Füße
in die Pedale?". "Aber sicher!" kam es ruhig
aus meinen Kopfhörern. Nach weiteren 2-3 Sekunden meine
Bestätigung:"Ich wäre soweit". Georg
erwiderte:"O.k.! Du hast sie!" ............und
nahm die Arme nach oben......
Ich werde nie wieder meinen lächerlichen FS04 Flugsimulator
starten können ohne an diesen Flug zu denken obwohl
FS04 der Realität schon "relativ nahe" kommt.
Diese 550 PS Maschine
kann man quasi mit 2 Fingern fliegen wenn man möchte
und die Umstände es zulassen!!! Sicherheitshalber zog
ich jedoch die 5 Finger Variante vor. Ich versuche erst
gar nicht beschreiben, was das für ein Gefühl
war, selbst den Knüppel in der Hand zu halten, die
Füße in den Pedalen stehen zu haben und dabei
die Ruderdrücke in Finger bzw. Fußspitzen zu
spüren. Man muss es erleben! Zu fühlen wie sich
die Maschine in der Thermik bewegt, mal hierhin und mal
dorthin giert und immer genügte ein kurze Bewegung
des Knüppels oder ein sanfter Druck ins Pedal und der
ca. 2 Tonnen schwere Ganzmetall-Tiefdecker (die ehemalige
Gelnhausener
Lärmquelle) flog wieder dorthin wohin ich es wollte.
Die
Maschine gerade zu halten gelang mir,
meiner bescheidenen Meinung nach, recht gut, aber den nötigen
Respekt hatte ich vor der ersten Kurskorrektur welche mir
Georg vorgab. Er deutete auf einen Referenzpunkt am Horizont,
etwa auf unserer 2 Uhr Position. Der Fernmeldeturm Siegerland
/ Eisernhardt. Auf diesen sollte ich zuhalten. Den Knüppel
sachte nach rechts bewegt und die linke Fläche kam
hoch und die Rechte senkte sich wie gewünscht. Knüppel
wieder zentriert und die Harvard drehte brav von alleine
weiter bis ich den Turm über Georgs rechter Schulter
auftauchen sah.
Den Knüppel kurz wieder nach links und die T6 legte
sich wieder gerade. Das Seitenruder habe ich während
der ganzen Zeit aus lauter Ehrfurcht nur millimeterweise
bewegt, so ruhig lag die Harvard in der Luft. Abgesehen
von den leichten thermikbedingten "Turbulenzen"
wenn man sie überhaupt als solche bezeichnen kann.
Unglaublich wie hochsensibel diese, eigentlich recht schwerfällig
wirkende, Maschine selbst auf kleinste Ruderausschläge
prompt reagiert!
Während ich die Harvard flog, hatte Georg beide Arme
auf dem Rand der Instrumentenverkleidung liegen, lehnte
sich entspannt nach vorne und genoss den herrlichen Ausblick
aus ca. 350m Höhe. Einmal machte er mich auf einen
Motorsegler aufmerksam,
welcher sich etwas überhöht auf 1 Uhr vor uns
befand und meinte ich solle ihn im Auge behalten, was ich
dann auch tat. Bis dieser irgendwann unseren Kurs kreuzte
und linker Hand verschwand. Meine Augen wanderten zwischen
künstlichem Horizont, dem Kompass und dem Referenzpunkt
hin und her. Zwischendurch leistete ich mir selbst einen
ausgiebigen Blick nach draußen. Schaute auf grüne,
von Hecken abgegrenzte Felder, vom Sturm "Kyrill"
zerstörte Waldabschnitte in denen, wie umgeknickten
Streichhölzern gleich, in großen Flächen
Baumstamm an Baumstamm lag. Als Kontrast zu diesem traurigen
Anblick brachen sich warme Sonnenstrahlen einen Weg durch
die Wolken, tauchten die Landschaft darunter in ein wechselndes
Licht und Schattenspiel und ich vergaß bei diesem
unwirklich-schönen Anblick für einen Moment den
Stress und die zwischenmenschlichen Nichtigkeiten der letzten
Wochen. Zwischendurch
dann immer wieder dieses unbeschreibliche
Glücksgefühl.............."Verdammt!! Ich
fliege selbst!!"
Ein plötzliches Knacken in den Kopfhörern und
Georgs ruhige Stimme holte mich schlagartig wieder
in die Realität zurück! Er meinte, dass wir doch
nun genug gestiegen wären und ich nun die Höhe
(knapp über 400m) halten sollte.
Nicht aufgepasst! Zuviel geträumt und unbewusst gezogen.
Die Instrumente vergessen und eiskalt erwischt worden.
"Diese Freiheit kannst Du Dir noch nicht leisten
mein Freund", dachte ich mich selbst zurechtweisend
und musste dennoch grinsen. Denn wenn ein Mensch mein kurzfristiges
"geistiges Abdriften" verstehen würde, dann
der Mann im Cockpit vor mir!
Meine
Augen fanden die Instrumente wieder und klebten schuldbewusst
die nächsten Minuten am Höhenmesser, am realen
und künstlichen Horizont. Zwischendurch waren noch
ein - zwei weitere kleinere Kursänderungen nötig
bis Georg dann kurz vor Bottenhorn die Harvard wieder übernahm
und landete. Natürlich nicht ohne vorher den Zuschauern
am Boden noch mal einen eindrucksvollen High Speed "Überflug"
mit ca. 190 kt (352 km/h) zu zeigen, dessen
satter Sound Alex, Chris und Arno am Boden sicher das
Wasser in die Augen getrieben hat.
Hätten uns nicht Tageszeit, Treibstoff und die daraus
resultierenden Kosten (an die ich gar nicht denken möchte)
Grenzen gesetzt, hätte dieser Flug von mir aus ewig
dauern können!
Ich konnte es Minuten nach der Landung noch immer nicht
fassen, dass ich noch vor wenigen Minuten eine etwa 60 Jahre
alte Harvard T6 selbst fliegen durfte, auf der so viele
Piloten im 2. Weltkrieg ihre fliegerischen Kenntnisse verbesserten,
nachdem sie auf einer Boeing
Stearman das Fliegen gelernt hatten.
Danke für diesen unvergesslichen Flug:
Armin Iffland, Karl Heinz "Charly" Krüger
und vor allem:
DANKE für
Dein Vertrauen Georg !
Fotos:
Alex Klank, Arno Fichtner & Jens Klank
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